6. Mai 2026 18:15 bis ca. 19.45h
Seminarraum FH 619 am Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG) Technische Universität Berlin Fraunhoferstraße 33-36 10587 Berlin (Nähe Ernst-Reuter-Platz)
Dr. Sebastian Scheele: Genealogie der Verbündeten – Zum Privilegiendiskurs in feministischen und antirassistischen sozialen Bewegungen
In sozialen Bewegungen hat sich eine Behandlung von Machtverhältnissen verbreitet und wird kontrovers diskutiert, die ich „Privilegiendiskurs“ zu nennen vorschlage. Dabei spielt der Begriffe „Privileg“ eine zentrale Rolle und ist verknüpft mit Anleitungen, wie „Privilegierte“ zu „Verbündeten“ (englisch: „allies“) werden können. Der Vortrag zeichnet die Entstehung dieser diskursiven Situation nach, insbesondere den Einfluss liberaler Subjektvorstellungen sowie pädagogischer Arbeit – und damit sowohl die Erfolgsbedingungen des Privilegiendiskurses wie auch seine Verengungen in bewegungsstrategischer Hinsicht. Zielrichtung ist, unter Rückgriff auf teils verschüttetes Bewegungswissen die Werkzeugkiste zum Umgang mit intersektionalen Konflikten zu erweitern.
Der Vortrag basiert auf seiner am ZIFG geschriebenen Doktorarbeit, die bei der TU online abrufbar ist: https://doi.org/10.14279/depositonce-24734
Eine stark komprimierte Version ist zudem bei edition assemblage erschienen als: "Privileg und Politik – Allyship in feministischen und antirassistischen Bewegungen“ https://www.edition-assemblage.de/buecher/privileg-und-politik/
Abstract: In sozialen Bewegungen hat in den letzten Jahren eine Behandlung von
Machtverhältnissen Verbreitung gefunden, die ich „Privilegiendiskurs“ zu nennen vorschlage. Dabei spielen die Begriffe „Privileg“ und „Privilegierte“ eine zentrale Rolle und werden mit einer Handlungsanleitung verknüpft, die zu befolgen verspricht „Verbündete*r“ (englisch: „ally“) zu werden. Die Debatten um diesen Privilegiendiskurs verlaufen – innerhalb der Bewegungen, jedoch auch massenmedial – stark polarisiert. Die Arbeit tritt einen Schritt zurück und zeichnet die Entstehung dieser diskursiven Situation nach, um unter Rückgriff auf teils verschüttetes Bewegungswissen die Werkzeugkiste zum Umgang mit intersektionalen Konflikten zu erweitern. Methodisch orientiert sich die Arbeit an der Wissenssoziologischen Diskursanalyse. Der Korpus stammt primär aus Bewegungsmaterial aus antirassistischen und feministischen Sozialen Bewegungen von Mitte der 1980er Jahre bis in die Gegenwart; ausgehend vom deutschsprachigen Raum verfolgt die Arbeit Einflusslinien, die nach Nordamerika führen. Mithilfe der Foucaultsche Perspektive der Genealogie, die gegenwärtige Wissensbestände als historisch-politisch-sozial gewordene analysiert, wird die Subjektivierungsweise der „Verbündeten“ analysiert. Beginnend mit Schlaglichtern auf einige Bewegungsmaterialien wird nachgezeichnet, wie antirassistisches und feministisches Bewegungswissen in pädagogischen Arenen aufgegriffen wurde, und sich dort zum – dadurch pädagogisch konturierten – Privilegiendiskurs verfestigte. Die pädagogischen Arenen „Classroom“, „Training“ und „Workshop“ werden dabei jeweils mit ihren Charakteristika und in sie einfließende Traditionslinien betrachtet. Der derart verfestigte Privilegiendiskurs wird dann auf die darin enthaltene Subjektivierungsweise betrachtet. Das versprochene Ziel der diesbezüglichen Handlungsanleitungen ist ein Persönlichkeitswachstum, eine moralische Verbesserung, die durch die Selbsttechnologien des Privilegiendiskurses erreicht werden kann. Prägend sind dabei liberale Subjektvorstellungen, insbesondere bezogen auf die Vorstellungen individueller Erkenntnisfähigkeit, Handlungsfähigkeit und das Eigeninteresse Privilegierter. Bezogen auf soziale Bewegungen besitzt der Privilegiendiskurs damit zugleich eine erfolgversprechende Resonanzfähigkeit wie auch bedeutende Verengungen, in der Bewegungsspezifisches aus dem Blick zu geraten droht. Für die sozialen Bewegungen gilt es, einen bewussten Umgang mit diesem Spannungsverhältnis zu finden. Dafür skizziert ein bewegungsorientierter Ausblick einige typische Bewegungsaufgaben, die mit intersektionalen Konflikten einhergehen können, und stellt einige Anschlüsse an den diesbezüglichen Wissensfundus der Bewegungserfahrungen zusammen.
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