... artikel von vor vielen jahren, den dieter an die contraste-liste mailte On Wed, Jan 6, 2010
Aus CONTRASTE Nr. 294 (März 2009, Schwerpunktthema, Seite 7)
ÜBERBLICK
Was ist das Web2.0?
Das WorldWideWeb (WWW) ist der populärste Dienst im Internet. Bis vor wenigen Jahren zeichnete es sich vor allem dadurch aus, dass die dort vorzufindenden Inhalte schlicht abgerufen wurden. Der Umgang mit dem Medium war von Passivität geprägt, denn nur in Ausnahmefällen steuerten die InternetnutzerInnen selbst Inhalte, etwa in Form einer eigenen Homepage, bei.
Von Timo Luthmann, Osnabrück # Web2.0 propagiert einen grundlegenden Wandel im Umgang mit dem WorldWideWeb. Unter dem Schlagwort »Mitmachnetz« beschreibt Web2.0 vielfältige Möglichkeiten der Partizipation. Möglichkeiten zum aktiven Austausch oder zur Beteiligung boten sich den NutzerInnen dabei schon vor dem Aufkommen des Web2.0. Internetdienste wie Chats, Foren und die E-Mail-Funktionalität sind traditionelle Säulen des Onlinemediums. Was also zeichnet das Mitmachnetz aus?
Charakteristisch für das Web2.0 ist seine einfache Handhabbarkeit. Die NutzerInnen können ohne technisches Vorwissen eigene Beiträge im WorldWideWeb publizieren, Beiträge anderer kommentieren, sich virtuell vernetzen oder in Foren präsentieren. Hinter solchen Internetseiten kommen Softwarelösungen zum Einsatz, die eine Beteiligung überhaupt erst ermöglichen, so genannte Social Software. Diese wertet das Abrufnetz WorldWideWeb technisch auf und überführt es in das leicht zu bedienende »Internet zum Mitmachen«. So ist es NutzerInnen möglich, beispielsweise Beiträge auf Wikipedia zu veröffentlichen oder ein Video auf YouTube einzustellen.
Wie verschiebt das Web2.0 die Macht konkret?
Publizieren Das Web2.0 verschiebt durch die neuen Möglichkeiten Texte, Videos und Audiobeiträge zu publizieren, die alten Begrenzungen des öffentlichen Ausdrucks. Dabei vollzieht sich eine Massenamateurisierung der Medienproduktion. Die bürgerliche Öffentlichkeit geprägt durch die Massenkommunikation (One-To-Many) verwandelt sich in eine vernetzte Öffentlichkeit, die eine wechselseitige Kommunikation (Many-To-Many) zulässt.
Gruppen gründen Das am stärksten transformative Potential des Web2.0 ist nach Clay Shirky die Möglichkeit, einfach neue Gruppen zu gründen. Dabei nimmt er an, dass bisher für die meisten Aspekte des modernen Lebens die Grundlösung gewesen ist, Menschen in Organisationen zu vereinen. Doch je größer Gruppen sind, desto komplexer sind sie und desto höher sind die Transaktionskosten, wie z.B. Such-, Informations- und Entscheidungskosten.
Die Senkung der Transaktionskosten durch soziale Werkzeuge wie Blogs, Wikis und Soziale Netzwerke hat dazu geführt, das Gruppengründungen wesentlich einfacher sind und dadurch Alternativen zu institutionellem Handeln entstehen: Lose strukturierte Gruppen, die ohne organisatorisches Management und jenseits des Profitmotivs handeln.
Kooperieren Das Web2.0 ermöglicht eine Vielzahl von verschiedenen Kooperationsmöglichkeiten. Die einfachste Kooperationsstufe ist das Teilen von digitalen Gütern wie z.B. Fotos auf einer Fotoplattform wie flickr. Die nächste Stufe der Kooperation ist kollaborative Produktion z.B. von Texten für die Wikipedia. Kollaborative Produktion ist eine weiterentwickelte Form der Kooperation, die die Spannung zwischen dem Individuum und der Gruppe erhöht. Die höchste Form der Kooperation ist kollektives Handeln, welches eine gemeinsame Vision benötigt. Ein Beispiel für eine Gruppe, die kollektiv agiert und für die verschiedenste Social Software eine strategische Bedeutung hat, bzw. erst vielfältiges Handeln ermöglicht, ist z.B. der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung (AK Vorrat).
Doch wie sieht die Web2.0-Nutzung durch die Menschen in Deutschland praktisch aus?
Bei den meisten Angeboten ist es laut der ARD/ZDF-Onlinestudie 2008 nur eine geringe Zahl von Menschen, die für die Bereitstellung der Inhalte sorgt und so die Idee des aktiven Mitmachens weiter trägt. So rufen 51 Prozent der NutzerInnen beispielsweise Inhalte auf Videoportalen ab, bereitgestellt werden diese aber von gerade einmal 3 Prozent der NutzerInnen. Massenattraktiv ist also nicht der Mitmachgedanke des Web2.0, sondern ein schlichtes Unterhaltungs- und Informationsbedürfnis, welches durch nutzerInnen-generierte Inhalte einer Minderheit befriedigt wird. Für AktivistInnen mit Mitteilungs- und Partizipationsbedürfnis aber bietet das Web2.0 vielfältige Möglichkeiten. Dies sind die bescheidenen Anfänge eines offenbar evolutionären Prozesses. Mit einer Ausnahme: Bei Sozialen Netzwerken funktioniert der Gedanke des »Mitmachens«. Profile werden angelegt, Gruppen gegründet, die Menschen partizipieren aktiv. Somit kommt Sozialen Netzwerken eine strategische Bedeutung zu.
»The invention of a tool doesn’t create change; it has to have been around long enough that most of society is using it.« Clay Shirky (Übers.: »Die Erfindung eines Werkzeugs bewirkt keinen Wandel; es muss lange genug da gewesen sein, damit der größte Teil der Gesellschaft es nutzt.« d. Red.)
Wo wurden Web2.0-Anwendungen schon für Selbstorganisation und politische Kommunikation genutzt?
Das beste Beispiel über die Wirkungsmächtigkeit dieser Werkzeuge ist die Obamakampagne, welche aktiv Soziale Netzwerke, Videoplattformen und Mikroblogs genutzt hat, um seine Basis zu mobilisieren und Geld zu sammeln. Ohne sein Soziales Netzwerk mybarakobama.com wäre Obama nicht Präsident geworden.
Welche Einschränkungen gelten für das Web2.0?
Digital Divide Die digitale Kluft grenzt massiv Menschen durch nicht vorhandene Internetanschlüsse und mangelnde digitale Kultur- und Kommunikationstechnik und deren Vermittlung vom emanzipatorischen Potential des Internets aus. In Deutschland sind ca. ein Drittel der Bevölkerung offline und global gesehen 85%.
Mangelnde Kulturtechnik des Digitalen
Mangelndes Bewusstsein im Umgang mit digitalen Medien birgt ein Gefahrenpotential, insbesondere beim sorglosen Umgang mit persönlichen Informationen. Um das Potential des Web2.0 positiv zu nutzen, ist ein bewusster Umgang mit (persönlichen) Informationen und Medien notwendig, weswegen der Vermittlung von Medienkompetenz und der Kulturtechnik des Digitalen eine wichtige Rolle zukommt.
Überwachung Durch die Vorratsdatenspeicherung und andere Überwachungsmaßnahmen wie z.B. die »Great Firewall of China« wird das emanzipatorische Potential des Web2.0 beschränkt. Andererseits kontrollieren Medienkonzerne alle großen Sozialen Netzwerke.
Wie sieht eine emanzipatorische Perspektive aus?
Für Soziale Bewegungen sind eigene Strukturen unerlässlich. Deshalb ist es fatal, sich bei strategischen Kommunikationsmitteln wie Sozialen Netzwerken, wo eine Fülle von persönlichen Daten anfallen, auf kommerzielle Anbieter zu verlassen, die nicht demokratisch kontrolliert werden können. Der informationsbasierte Ansatz von indymedia muss um Soziale Netzwerke erweitert werden. Deshalb entwickelt die Genossenschaft mensch.coop eG gerade die Open-Source-Software LOSP für dezentrale Soziale Netzwerke und möchte selbst ein Soziales Netzwerk für Solidarische Ökonomie, Soziale Bewegungen und Kunst/Kultur unter http://mensch.coop anbieten.
... hat sich einiges geändert in den letzten 17 jahren ... s.a. gestern sah ich die info zur 4. auflage vom contraste-artikel Timo Luthmann Politisch aktiv sein und bleiben Handbuch Nachhaltiger Aktivismus 4. Auflage ISBN: 978-3-89771-250-8 Erscheinungsdatum 24. Juni 2025 424 Seiten, 4. Auflage 24,00 € drei Säulen des Nachhaltigen Aktivismus: Reflexion, individuelle Resilienzstrategien und kollektive Resilienzstrategien. Ein ausführlicher Ressourcenteil, praktische Übungen und ein Glossar runden das Handbuch ab. https://www.unrast-verlag.de ... Timo Luthmann ist seit Mitte der 1990er Jahre in verschiedenen sozialen Bewegungen aktiv: von der Jugendumweltbewegung über die Anti-AKW-Bewegung bis hin zum Kampf gegen Sozialabbau. Seit 2010 ist er in der Klimabewegung aktiv, bei ausgeCO2hlt organisiert und Mitinitiator der Kampagne Ende-Gelände. Zudem ist der Autor regelmäßig als Bildungsreferent und Trainer tätig und bietet Vorträge und Workshops zum Thema ›Nachhaltiger Aktivismus‹ an. https://nachhaltigeraktivismus.org/ ...