aus Nr. 340 (2013) Von der Alten zur »Neuen Arbeit«
aus dem Contraste-Archiv mit Dank an Karl Dietz HINWEIS: 483 PDF-CONTRASTE im Archiv unter https://www.contraste.org/pdf-archiv/ -------- Weitergeleitete Nachricht -------- Betreff: Re: [contraste-list] Von der Alten zur »Neuen Arbeit« Datum: Wed, 24 Dec 2025 16:28:40 +0100 Von: Karl Dietz <karl.dz@gmail.com> An: krixit <krixit@list.free.de> CONTRASTE - Monatszeitung für Selbstorganisation== CONTRASTE Nr. 340 (Januar 2013, Seite 6) FRITHJOF BERGMANN IN KÖLN - Von der Alten zur »Neuen Arbeit«== Keine Frage, da gibt es jemand, der hat Ziele und Visionen: Gesellschaftsveränderung durch »Neue Arbeit«. Seit Jahrzehnten schon schreibt und referiert Frithjof Bergmann unablässig zur »Neuen Kultur« und hält weltweit Vorträge. Jüngst referierte und diskutierte er wieder mal in Köln. 70 BesucherInnen kamen am 22. November in die SSM-Halle am Rhein. An den darauf folgenden Workshop-Tagen waren es 30 Teilnehmende aus verschiedensten Initiativen und Organisationen. Auf die Beine gestellt und durchgeführt wurden die Bergmann-Tage vom Team von »Ideenhochdrei – Räume für Entwicklung«. Von Heinz Weinhausen, Redaktion Köln # Frithjof Bergmann sieht verheerende gesellschaftliche und ökologische Verwerfungen auf die Welt zukommen, die auch und gerade die Industrienationen erfassen werden. Er spricht gerne in einprägsamen Bildern von Plagen wie im alten Ägypten, von einem Tsunami usw. Kern seiner Analyse: Das entfremdete Lohnarbeitssystem, das er als Krankheit ansieht, geht zu Ende, »die Arbeitsplätze werden wegschmelzen wie der Schnee im April«, weil die heute vorherrschende digitale, mikroelektronische Produktionsweise sich durchgesetzt hat und in allen Branchen Arbeitszeit und Arbeitsplätze wegrationalisiert. Und deren Potentiale sind noch wenig ausgeschöpft. Den Zusammenbruch der alten Industrie hat Bergmann in den achtziger Jahren in der Autostadt Detroit miterlebt und versuchte schon damals, andere Impulse zu geben, einen Übergang zu einer erneuerten Gesellschaft in Gang zu setzen. Heute sieht er sie als Stadt der Neuen Arbeit, die sich zumindest mit Nahrungsmitteln weitgehend selbst versorgen kann. Der Kniff dabei: viel Eigeninitiative und vertikale Gärten. Mit Marx gesprochen sieht die heutige Gesellschaftssituation so aus, dass die Produktivkräfte dabei sind, über die Produktionsverhältnisse hinauszuwachsen. Mit Vollautomatisierung ist kein Lohnarbeits-Entfremdungs-Ausbeutungs-System mehr zu machen, was auch das Geldsystem samt seinen Staaten alt aussehen lässt. Schon 1995 sagte der französische Präsident Jacques Chirac: »Ich besitze keinen Zauberstab!« Weil er sich in der Zwickmühle sitzen sah. Mehr Staat und Verschuldung (Keynes) brachte die Wirtschaft nicht in Gang, und weniger Staat und Deregulierung (Neoliberalismus) auch nicht, zumindest nur um den Preis des Beinahe-Bankenkollaps und damit Geldkreislaufkollaps. Schön, könnte mensch sagen, soll der hässliche Kapitalismus doch in sich zusammenbrechen! Das Problem dabei: das Überleben der Menschen ist noch an ihn gekoppelt. Frithjof Bergmann visiert einen friedlichen Übergang zu einem grundsätzlich anderen Wirtschaftssystem an, wobei er Arbeitslosen wie auch Konzernherren Ansprechpartner ist. Das Jobsystem gilt es herunterzufahren (Arbeitszeitverkürzung auch ohne Lohnausgleich, wenn anderes nicht durchsetzbar ist), einen Sektor von Community Production, von High Tech Self Providing, von gemeinsamer Eigenarbeit aufzubauen. In seinen Worten: »Der Kernbegriff ist, dass man unter Zuhilfenahme von ganz raffinierten Erfindungen, manchmal sehr einfachen wie der sogenannten vertikalen Gärten, Selbstversorgung realisieren kann, aber eben auch ganz moderner Maschinen wie die sogenannten Fabrikatoren (3D-Fabber – siehe Kasten), mit denen man dezentral in kleinen Räumen eine unwahrscheinliche Vielfalt von Produkten herstellen kann, die hohe Qualität haben, die direkt verfügbar sind und gar nicht mehr transportiert werden müssen. So wird man in kleinen Gruppen vieles selber herstellen können, von den Kleidern und Schuhen, bis zu den Möbeln, bis zu Mikrowellenöfen und bis zu Computern. Also dezentrale Herstellung in kleinen Räumen ist der Inbegriff dessen, was wir uns unter einer neuen Wirtschaft vorstellen, die einerseits ökologisch ist und andererseits die riesigen sozialen Probleme abschafft. Damit meine ich die Spaltung zwischen den zwanzig Prozent der Menschen, die in den Oasen leben und den achtzig Prozent, die in der Wüste leben, die ich Wüstenmenschen nenne.« (Interview mit Dan-Felix Müller im Juni 2011) Auf diesem existenzsichernden zweisäuligen Boden von Erwerbsarbeit und Eigenarbeit stehend plädiert er für den dritten Sektor von individueller Freiheit im Tun: das Salz in der Suppe, damit das menschliche Leben gut schmecken kann, nämlich das zu tun, was mensch wirklich, wirklich tun will (Calling). Nur derjenige Mensch wird in sich ruhen und tief zufrieden sein, der das, was gewissermaßen in ihm steckt, auch zu leben weiß. Dressiert wie eine Maschine für das Jobsystem wissen allerdings viele gar keine Antwort auf diese Frage, was es denn sein könnte, was ihnen so sehr wichtig ist. Hier gibt es Beratungen, Coaching, inzwischen sogar ein »Wesenskernspiel«, entwickelt von Christine Jung. Bergmann hofft dabei auch auf den Synergieeffekt, dass erfüllte Menschen keine Shoppingerlebnisse brauchen und auch so der verschwenderische Ressourcenverbrauch drastisch gesenkt werden könnte. Und überhaupt: in seiner Vision von Neuer Arbeit, Neuer Wirtschaft und Neuer Kultur soll die Fröhlichkeit ihren festen Platz haben. Soweit die vereinfacht dargestellte Skizze der Ideen von Frithjof Bergmann. Mensch mag darüber streiten, ob das alles so trägt für eine neue Gesellschaft. Beispielsweise kritisiert er die Lohnarbeit, ohne aber einen Begriff vom Geld als »sozialem Ding« (Marx) zu haben. Für ihn scheint es einfach eine überhistorische Rechengröße zu sein. Damit fehlt ihm der Zusammenhang von mikroelektronischer Revolution und dem Aufplustern der Geldmärkte ins fast Unermessliche. Die große Entwertung – so ein Buchtitel von Norbert Trenkle und Ernst Lohoff – steht unweigerlich in den nächsten Jahrzehnten bevor, da wird es auch nicht helfen, wenn mensch auch mit selbstbestimmter Calling-Arbeit Geld verdienen möchte. Und Bergmann weiß auch nicht zu denken, dass auf der historischen Tagesordnung der Wechsel ansteht von der Geldvergesellschaftung (Grundlage Ware-Geld-Markt-Staat) hin zur direkten Vergesellschaftung ohne diese Krücken. Eine Umwälzung, die – wenn sie denn gelingen sollte – größer sein wird als diejenige von der mittelalterlichen Ständegesellschaft hin zum Kapitalismus. Früher unersetzbar, galt die Eigenarbeit im industriellen Zeitalter lange nur noch als etwas Altmodisches. Neuerdings hat aber ein Umdenken eingesetzt, weil Eigenarbeit, Selbstversorgung, Community Production, Commons heute ganz andere Potentiale in sich tragen als noch die karge, mühselige Felderbewirtschaftung vor einigen hundert Jahren. (Exkurs: Trotz der geringen Produktivität vermochte die Eigenarbeit die mittelalterliche Gesellschaft mit achtzig Prozent der Güter und Dienstleistungen zu versorgen – das Marktsystem war noch marginal.) Mit den heutigen Kenntnissen und deren rasanter Verbreitung im Internet und den digital gefütterten Maschinen stellt sich die Frage einer breiten, kooperativen Selbstversorgung ganz neu und emanzipatorisch. Den Markt zu bedienen und für das Geld zu arbeiten, heißt, sich stets dem Markt und seinen Gesetzen zu unterwerfen und nur noch deren Erfüllungsgehilfe zu sein, wobei die Zahl der Verlierer zunimmt. Nicht der Mensch diktiert dem Markt, sondern umgekehrt. Freiheit ist tendenziell nur noch außerhalb der Marktzwänge realisierbar. Frithjof Bergmann mit seinem Konzept von Neuer Arbeit bietet hier einen Anfang, wofür er in bemerkenswerter Weise Impulse gibt. Dabei müssen die Trauben gar nicht so hoch gehängt werden, wie er selbst es oft tut. Statt vertikaler Gärten ist Erzeugung biologischer Nahrungsmittel auch in den üblichen horizontalen Gärten möglich. Statt digitaler Fabberproduktion tut auch eine pneumatische Bohrmaschine tolle Dienste. Jedenfalls zeigt das Beispiel der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim seit 30 Jahren (und viele andere Gemeinschaften ebenso), dass Entschärfung von Marktwirtschaft auch ohne digitale Revolution möglich ist. Werden durch Eigenarbeit und Nutzung von Gebrauchtem, durch Schaffung von Wohnraum die Lebenshaltungskosten drastisch gesenkt, braucht es weniger Umsatz, um den Lebensunterhalt zu sichern. Freiräume werden geschaffen für Soziales (Inklusion) und für politisches Wirken zur Stadtteilgestaltung (SelfEmpowerment). Was alles nicht gegen Computerisierung spricht – nur dagegen, dass man nicht schon mit Füreinander-Arbeit beginnen könnte, weil beispielsweise die neue Technik der 3D-Drucker samt deren Softwareprogrammen noch nicht ausgereift ist. In dem Neue-Arbeit-Workshop zeigte sich jedenfalls Tatkraft. Etliche TeilnehmerInnen wollen sich auch in Zukunft vernetzen, um das gemeinsame Produzieren zu probieren. Einige wollen das Herstellen von Lebensmitteln und deren Konservierung versuchen. Erstes Projekt: Sauerkraut. Andere wollen sich mit dem Fabbern schlau machen und es auch vor Ort anschauen. Wieder Andere haben bereits eine Software entwickelt, die Gemeinschaftsbestände an verschiedenen Orten dezentral erfassen kann (Crealiity). Den Vernetzungsprozess durch Moderation zu unterstützen, dazu hat sich das Team von »Ideenhochdrei« bereit erklärt. All dies ist pragmatisch gedacht, nach dem Motto: Wir trauen dem Marktsystem nicht mehr und wollen uns eigene Kenntnisse und Ressourcen schaffen. Dies mag lächerlich wirken, wenn daraus Gesellschaftsveränderung gedacht wird. Wenn aber viele an vielen Orten Ähnliches versuchen, kann Quantität in Qualität umschlagen. Ausgewählte Informationen zur Neuen Arbeit: • www.neuearbeit-neuekultur.de <http://www.neuearbeit-neuekultur.de> • www.servus.at/tschneid/frithjof <http://www.servus.at/tschneid/frithjof> • www.zw-jena.de/arbeit/arbeit.html <http://www.zw-jena.de/arbeit/arbeit.html> • www.matthias-jung.de/arbeiten.html <http://www.matthias-jung.de/arbeiten.html> • www.wesenskernspiel.de <http://www.wesenskernspiel.de> • http://crealiity.com/faq.php <http://crealiity.com/faq.php> • www.ideenhochdrei.org <http://www.ideenhochdrei.org> • www.ssm-koeln.org <http://www.ssm-koeln.org> eine update version der zeilen oben ist in arbeit ... Viele Grüße, Karl Dietz Mobil 0172 / 768 7976 E-Mail karl.dz@gmail.com <mailto:karl.dz@gmail.com> https://karldietz.blogspot.com <https://karldietz.blogspot.com> https://www.instagram.com/karl.dz <https://www.instagram.com/karl.dz> On Sun, Jan 20, 2013 at 4:09 PM Karl Dietz <karl.dz@gmail.com <mailto:karl.dz@gmail.com>> wrote: 2013/1/20 Contraste e.V. <contraste@online.de <mailto:contraste@online.de>> __ Aus CONTRASTE Nr. 340 (Januar 2013, Seite 6) FRITHJOF BERGMANN IN KÖLN Von der Alten zur »Neuen Arbeit« Keine Frage, da gibt es jemand, der hat Ziele und Visionen: Gesellschaftsveränderung durch »Neue Arbeit«. Seit Jahrzehnten schon schreibt und referiert Frithjof Bergmann unablässig zur »Neuen Kultur« und hält weltweit Vorträge. Jüngst referierte und diskutierte er wieder mal in Köln. 70 BesucherInnen kamen am 22. November in die SSM-Halle am Rhein. An den darauf folgenden Workshop-Tagen waren es 30 Teilnehmende aus verschiedensten Initiativen und Organisationen. Auf die Beine gestellt und durchgeführt wurden die Bergmann-Tage vom Team von »Ideenhochdrei – Räume für Entwicklung«. Von Heinz Weinhausen, Redaktion Köln # Frithjof Bergmann sieht verheerende gesellschaftliche und ökologische Verwerfungen auf die Welt zukommen, die auch und gerade die Industrienationen erfassen werden. Er spricht gerne in einprägsamen Bildern von Plagen wie im alten Ägypten, von einem Tsunami usw. Kern seiner Analyse: Das entfremdete Lohnarbeitssystem, das er als Krankheit ansieht, geht zu Ende, »die Arbeitsplätze werden wegschmelzen wie der Schnee im April«, weil die heute vorherrschende digitale, mikroelektronische Produktionsweise sich durchgesetzt hat und in allen Branchen Arbeitszeit und Arbeitsplätze wegrationalisiert. Und deren Potentiale sind noch wenig ausgeschöpft. Den Zusammenbruch der alten Industrie hat Bergmann in den achtziger Jahren in der Autostadt Detroit miterlebt und versuchte schon damals, andere Impulse zu geben, einen Übergang zu einer erneuerten Gesellschaft in Gang zu setzen. Heute sieht er sie als Stadt der Neuen Arbeit, die sich zumindest mit Nahrungsmitteln weitgehend selbst versorgen kann. Der Kniff dabei: viel Eigeninitiative und vertikale Gärten. Mit Marx gesprochen sieht die heutige Gesellschaftssituation so aus, dass die Produktivkräfte dabei sind, über die Produktionsverhältnisse hinauszuwachsen. Mit Vollautomatisierung ist kein Lohnarbeits-Entfremdungs-Ausbeutungs-System mehr zu machen, was auch das Geldsystem samt seinen Staaten alt aussehen lässt. Schon 1995 sagte der französische Präsident Jacques Chirac: »Ich besitze keinen Zauberstab!« Weil er sich in der Zwickmühle sitzen sah. Mehr Staat und Verschuldung (Keynes) brachte die Wirtschaft nicht in Gang, und weniger Staat und Deregulierung (Neoliberalismus) auch nicht, zumindest nur um den Preis des Beinahe-Bankenkollaps und damit Geldkreislaufkollaps. Schön, könnte mensch sagen, soll der hässliche Kapitalismus doch in sich zusammenbrechen! Das Problem dabei: das Überleben der Menschen ist noch an ihn gekoppelt. Frithjof Bergmann visiert einen friedlichen Übergang zu einem grundsätzlich anderen Wirtschaftssystem an, wobei er Arbeitslosen wie auch Konzernherren Ansprechpartner ist. Das Jobsystem gilt es herunterzufahren (Arbeitszeitverkürzung auch ohne Lohnausgleich, wenn anderes nicht durchsetzbar ist), einen Sektor von Community Production, von High Tech Self Providing, von gemeinsamer Eigenarbeit aufzubauen. In seinen Worten: »Der Kernbegriff ist, dass man unter Zuhilfenahme von ganz raffinierten Erfindungen, manchmal sehr einfachen wie der sogenannten vertikalen Gärten, Selbstversorgung realisieren kann, aber eben auch ganz moderner Maschinen wie die sogenannten Fabrikatoren (3D-Fabber – siehe Kasten), mit denen man dezentral in kleinen Räumen eine unwahrscheinliche Vielfalt von Produkten herstellen kann, die hohe Qualität haben, die direkt verfügbar sind und gar nicht mehr transportiert werden müssen. So wird man in kleinen Gruppen vieles selber herstellen können, von den Kleidern und Schuhen, bis zu den Möbeln, bis zu Mikrowellenöfen und bis zu Computern. Also dezentrale Herstellung in kleinen Räumen ist der Inbegriff dessen, was wir uns unter einer neuen Wirtschaft vorstellen, die einerseits ökologisch ist und andererseits die riesigen sozialen Probleme abschafft. Damit meine ich die Spaltung zwischen den zwanzig Prozent der Menschen, die in den Oasen leben und den achtzig Prozent, die in der Wüste leben, die ich Wüstenmenschen nenne.« (Interview mit Dan-Felix Müller im Juni 2011) Auf diesem existenzsichernden zweisäuligen Boden von Erwerbsarbeit und Eigenarbeit stehend plädiert er für den dritten Sektor von individueller Freiheit im Tun: das Salz in der Suppe, damit das menschliche Leben gut schmecken kann, nämlich das zu tun, was mensch wirklich, wirklich tun will (Calling). Nur derjenige Mensch wird in sich ruhen und tief zufrieden sein, der das, was gewissermaßen in ihm steckt, auch zu leben weiß. Dressiert wie eine Maschine für das Jobsystem wissen allerdings viele gar keine Antwort auf diese Frage, was es denn sein könnte, was ihnen so sehr wichtig ist. Hier gibt es Beratungen, Coaching, inzwischen sogar ein »Wesenskernspiel«, entwickelt von Christine Jung. Bergmann hofft dabei auch auf den Synergieeffekt, dass erfüllte Menschen keine Shoppingerlebnisse brauchen und auch so der verschwenderische Ressourcenverbrauch drastisch gesenkt werden könnte. Und überhaupt: in seiner Vision von Neuer Arbeit, Neuer Wirtschaft und Neuer Kultur soll die Fröhlichkeit ihren festen Platz haben. Soweit die vereinfacht dargestellte Skizze der Ideen von Frithjof Bergmann. Mensch mag darüber streiten, ob das alles so trägt für eine neue Gesellschaft. Beispielsweise kritisiert er die Lohnarbeit, ohne aber einen Begriff vom Geld als »sozialem Ding« (Marx) zu haben. Für ihn scheint es einfach eine überhistorische Rechengröße zu sein. Damit fehlt ihm der Zusammenhang von mikroelektronischer Revolution und dem Aufplustern der Geldmärkte ins fast Unermessliche. Die große Entwertung – so ein Buchtitel von Norbert Trenkle und Ernst Lohoff – steht unweigerlich in den nächsten Jahrzehnten bevor, da wird es auch nicht helfen, wenn mensch auch mit selbstbestimmter Calling-Arbeit Geld verdienen möchte. Und Bergmann weiß auch nicht zu denken, dass auf der historischen Tagesordnung der Wechsel ansteht von der Geldvergesellschaftung (Grundlage Ware-Geld-Markt-Staat) hin zur direkten Vergesellschaftung ohne diese Krücken. Eine Umwälzung, die – wenn sie denn gelingen sollte – größer sein wird als diejenige von der mittelalterlichen Ständegesellschaft hin zum Kapitalismus. Früher unersetzbar, galt die Eigenarbeit im industriellen Zeitalter lange nur noch als etwas Altmodisches. Neuerdings hat aber ein Umdenken eingesetzt, weil Eigenarbeit, Selbstversorgung, Community Production, Commons heute ganz andere Potentiale in sich tragen als noch die karge, mühselige Felderbewirtschaftung vor einigen hundert Jahren. (Exkurs: Trotz der geringen Produktivität vermochte die Eigenarbeit die mittelalterliche Gesellschaft mit achtzig Prozent der Güter und Dienstleistungen zu versorgen – das Marktsystem war noch marginal.) Mit den heutigen Kenntnissen und deren rasanter Verbreitung im Internet und den digital gefütterten Maschinen stellt sich die Frage einer breiten, kooperativen Selbstversorgung ganz neu und emanzipatorisch. Den Markt zu bedienen und für das Geld zu arbeiten, heißt, sich stets dem Markt und seinen Gesetzen zu unterwerfen und nur noch deren Erfüllungsgehilfe zu sein, wobei die Zahl der Verlierer zunimmt. Nicht der Mensch diktiert dem Markt, sondern umgekehrt. Freiheit ist tendenziell nur noch außerhalb der Marktzwänge realisierbar. Frithjof Bergmann mit seinem Konzept von Neuer Arbeit bietet hier einen Anfang, wofür er in bemerkenswerter Weise Impulse gibt. Dabei müssen die Trauben gar nicht so hoch gehängt werden, wie er selbst es oft tut. Statt vertikaler Gärten ist Erzeugung biologischer Nahrungsmittel auch in den üblichen horizontalen Gärten möglich. Statt digitaler Fabberproduktion tut auch eine pneumatische Bohrmaschine tolle Dienste. Jedenfalls zeigt das Beispiel der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim seit 30 Jahren (und viele andere Gemeinschaften ebenso), dass Entschärfung von Marktwirtschaft auch ohne digitale Revolution möglich ist. Werden durch Eigenarbeit und Nutzung von Gebrauchtem, durch Schaffung von Wohnraum die Lebenshaltungskosten drastisch gesenkt, braucht es weniger Umsatz, um den Lebensunterhalt zu sichern. Freiräume werden geschaffen für Soziales (Inklusion) und für politisches Wirken zur Stadtteilgestaltung (SelfEmpowerment). Was alles nicht gegen Computerisierung spricht – nur dagegen, dass man nicht schon mit Füreinander-Arbeit beginnen könnte, weil beispielsweise die neue Technik der 3D-Drucker samt deren Softwareprogrammen noch nicht ausgereift ist. In dem Neue-Arbeit-Workshop zeigte sich jedenfalls Tatkraft. Etliche TeilnehmerInnen wollen sich auch in Zukunft vernetzen, um das gemeinsame Produzieren zu probieren. Einige wollen das Herstellen von Lebensmitteln und deren Konservierung versuchen. Erstes Projekt: Sauerkraut. Andere wollen sich mit dem Fabbern schlau machen und es auch vor Ort anschauen. Wieder Andere haben bereits eine Software entwickelt, die Gemeinschaftsbestände an verschiedenen Orten dezentral erfassen kann (Crealiity). Den Vernetzungsprozess durch Moderation zu unterstützen, dazu hat sich das Team von »Ideenhochdrei« bereit erklärt. All dies ist pragmatisch gedacht, nach dem Motto: Wir trauen dem Marktsystem nicht mehr und wollen uns eigene Kenntnisse und Ressourcen schaffen. Dies mag lächerlich wirken, wenn daraus Gesellschaftsveränderung gedacht wird. Wenn aber viele an vielen Orten Ähnliches versuchen, kann Quantität in Qualität umschlagen. Ausgewählte Informationen zur Neuen Arbeit: • www.neuearbeit-neuekultur.de <http://www.neuearbeit-neuekultur.de> • www.servus.at/tschneid/frithjof <http://www.servus.at/tschneid/frithjof> • www.zw-jena.de/arbeit/arbeit.html <http://www.zw-jena.de/arbeit/arbeit.html> • www.matthias-jung.de/arbeiten.html <http://www.matthias-jung.de/arbeiten.html> • www.wesenskernspiel.de <http://www.wesenskernspiel.de> • http://crealiity.com/faq.php <http://crealiity.com/faq.php> • www.ideenhochdrei.org <http://www.ideenhochdrei.org> • www.ssm-koeln.org <http://www.ssm-koeln.org> Kasten: Digital Fabricator Ein Digital Fabricator (kurz Fabber) ist allgemein ein Gerät, das materielle, 3dimensionale Gegenstände aus auf Computern gespeicherten CAD-Daten erzeugt. Grundlegende Klassen dieses Maschinentyps sind subtraktive Fabrikatoren, die den gewünschten Gegenstand durch Abtragen bzw. Abtrennen von Material herstellen – wie Fräsen, Drehen, Schneiden, z. B. mit CNC-Maschinen – und additive Fabrikatoren, die den Gegenstand aus dem Grundwerkstoff aufbauen, insbesondere 3D-Drucker. Die Entwicklung von 3D-Druckern stellt einen gewaltigen Wandel (hin zum nachhaltigen Produzieren) dar und kann ein jahrhundertealtes Prinzip beenden, nämlich Produkte aus Rohlingen und nur mit großen Verschnittmengen herzustellen. 3D-Drucker setzen nur soviel Material ein, wie tatsächlich benötigt wird. »Je kleiner die Stückzahl und je komplizierter das gewünschte Bauteil geformt sei, desto eher rechnet sich der 3D-Druck«. (Thomas Kuhn, Wirtschaftswoche Nr. 51 vom 19. Dezember 2011, Seite 72ff) ******************************************************************************** CONTRASTE ist die einzige überregionale Monatszeitung für Selbstorganisation. CONTRASTE dient den Bewegungen als monatliches Sprachrohr und Diskussionsforum. Entgegen dem herrschenden Zeitgeist, der sich in allen Lebensbereichen breit macht, wird hier regelmäßig aus dem Land der gelebten Utopien berichtet: über Arbeiten ohne ChefIn für ein selbstbestimmtes Leben, alternatives Wirtschaften gegen Ausbeutung von Menschen und Natur, Neugründungen von Projekten, Kultur von "unten" und viele andere selbstorganisierte und selbstverwaltete Zusammenhänge. Des weiteren gibt es einen Projekte- und Stellenmarkt, nützliche Infos über Seminare, Veranstaltungen und Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt. CONTRASTE ist so buntgemischt wie die Bewegungen selbst und ein Spiegel dieser Vielfalt. Die Auswahl der monatlichen Berichte, Diskussionen und Dokumentationen erfolgt undogmatisch und unabhängig. Die RedakteurInnen sind selbst in den unterschiedlichsten Bewegungen aktiv und arbeiten ehrenamtlich und aus Engagement. Die Printausgabe der CONTRASTE erscheint 11mal im Jahr und kostet im Abonnement 45 EUR. Wer CONTRASTE erst mal kennenlernen will, kann gegen Voreinsendung von 5 EUR in Briefmarken oder als Schein, ein dreimonatiges Schnupperabo bestellen. Dieses läuft ohne gesonderte Kündigung automatisch aus. Bestellungen an: CONTRASTE e.V., Postfach 10 45 20, D-69035 Heidelberg, E-Mail: CONTRASTE(at)online.de <http://online.de> Internet: http://www.contraste.org <http://www.contraste.org> Zusätzlich gibt es eine Mailingliste. An-/Abmeldung und weitere Informationen unter: http://de.groups.yahoo.com/group/contraste-list <http://de.groups.yahoo.com/group/contraste-list> Wenn Sie Ihr Abonnement für diese Gruppe kündigen möchten, senden Sie eine E-Mail an: contraste-list-unsubscribe@yahoogroups.de <mailto:contraste-list-unsubscribe%40yahoogroups.de> -- CONTRASTE - Monatszeitung für Selbstorganisation http://www.contraste.org <http://www.contraste.org> ArchivCD.5: CONTRASTE-Jahrgänge 1984/85 und 2004 bis 2011 mit Reader der AlternativMedien 2013 BRD, Schweiz, Österreich (Printmedien, Verlage und Freie Radios) sowie den BUNTEN SEITEN 2013 BRD. siehe: www.contraste.org/archiv-cd.htm <http://www.contraste.org/archiv-cd.htm> __._,_.___ Antworten an Absender <mailto:contraste@online.de?subject=AW%3A%20Von%20der%20Alten%20zur%20%C2%BBNeuen%20Arbeit%C2%AB> | Antworten an Group <mailto:contraste-list@yahoogroups.de?subject=AW%3A%20Von%20der%20Alten%20zur%20%C2%BBNeuen%20Arbeit%C2%AB> | Antworten Auf der Website <http://de.groups.yahoo.com/group/contraste-list/post;_ylc=X3oDMTJxdW03cHJlBF9TAzk3NDkwNDU0BGdycElkAzIyMzE4MjUEZ3Jwc3BJZAMyMDQ4NjAwNTU4BG1zZ0lkAzE5Mzk2BHNlYwNmdHIEc2xrA3JwbHkEc3RpbWUDMTM1ODY5NDQ3NA--?act=reply&messageNum=19396> | Neues Thema <http://de.groups.yahoo.com/group/contraste-list/post;_ylc=X3oDMTJlZ3MwajZ0BF9TAzk3NDkwNDU0BGdycElkAzIyMzE4MjUEZ3Jwc3BJZAMyMDQ4NjAwNTU4BHNlYwNmdHIEc2xrA250cGMEc3RpbWUDMTM1ODY5NDQ3NA--> Beiträge zu diesem Thema <http://de.groups.yahoo.com/group/contraste-list/message/19396;_ylc=X3oDMTM2YTVjazUzBF9TAzk3NDkwNDU0BGdycElkAzIyMzE4MjUEZ3Jwc3BJZAMyMDQ4NjAwNTU4BG1zZ0lkAzE5Mzk2BHNlYwNmdHIEc2xrA3Z0cGMEc3RpbWUDMTM1ODY5NDQ3NAR0cGNJZAMxOTM5Ng--> (1) Letzte Aktivität: Besuchen Sie Ihre Group <http://de.groups.yahoo.com/group/contraste-list;_ylc=X3oDMTJlbGtiYWJqBF9TAzk3NDkwNDU0BGdycElkAzIyMzE4MjUEZ3Jwc3BJZAMyMDQ4NjAwNTU4BHNlYwN2dGwEc2xrA3ZnaHAEc3RpbWUDMTM1ODY5NDQ3NA--> ---- CONTRASTE - Monatszeitung für Selbstorganisation. 1984 ff. http://www.contraste.org <http://www.contraste.org> ---- CONTRASTE - LIST bei Yahoo!Groups. 2000 ff. http://de.groups.yahoo.com/groups/contraste-list <http://de.groups.yahoo.com/groups/contraste-list> ---- ArchivCD4: CONTRASTE-Jahrgänge 1984/85 und 2004 bis 2010 mit Verzeichnis der AlternativMedien BRD, Schweiz, Österreich (Printmedien, Verlage und Freie Radios) sowie den BUNTEN SEITEN BRD. http://www.contraste.org/archiv-cd.htm <http://www.contraste.org/archiv-cd.htm> ---- Mailingliste Solidarische Ökonomie Berlin-Brandenburg, (contraste.netz-bb): https://listi.jpberlin.de/mailman/listinfo/solioeko <https://listi.jpberlin.de/mailman/listinfo/solioeko> Yahoo! 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Heinz Weinhausen